Thomas Hettche: Herzfaden

Mit einem kleinen Mädchen betreten wir, ähnlich wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte, über eine geheimnisvolle Tür auf dem Dachboden eine phantastische Märchenwelt. Der Dachboden befindet sich im Oehmichen Theater und wir betreten die Welt des Augsburger Puppentheaters. Die vertrauten Marionetten aus der Augsburger Puppenkiste sind dort und werden lebendig. Prinzessin Lisi, Jim Knopf, Kater Mikesch und viele mehr.

Wir treffen auch Hatü, die erwachsene Tochter des Theaterbegründers und Schöpferin der Puppen, als erwachsene Frau inmitten ihrer Geschöpfe. In dieser Märchenwelt, wo die Puppen sprechen, singen und tanzen, sind alle gleich groß. Diese Märchenwelt ist im Roman in roter Farbe gedruckt und bildet den Rahmen der eigentlichen Geschichte.

In blau gedruckt ist die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, die Hatü dem kleinen Mädchen erzählt. Es beginnt 1939. Der Vater Walter Oehmichen wird eingezogen. An der Front in Frankreich lernt er Puppenspieler kennen, aus einfachen Materialien baut er Marionetten und spielt für seine Kameraden.

1940 kehrt er nach Augsburg zurück und wird Oberspielleiter des Augsburger Theaters. Die Frage, wie es im Nationalsozialistischen Deutschland für die Familie weitergehen soll, ist ständig präsent. Weihnachten 1940 bekommen Hatü und ihre Schwester Ulla die ersten Marionetten geschenkt, es sind zwei der Heiligen Dreikönige. Später kommen dann Hänsel und Gretel hinzu, die eine vielschichtige Rolle spielen in beiden Ebenen des Romans.

Das erste Theater ist im Türrahmen der Wohnung aufgebaut. Hatü und Ulla spielen zusammen mit dem Vater das Märchen von Hänsel und Gretel. Das Theater hat einen blauen Vorhang. Hier erfahren wir, dass der Herzfaden, der wichtigste Faden einer Marionette ist. „Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen des Zuschauers festgemacht.“ Die Fäden, an denen die Marionetten hängen, „setzen genau in ihrem Zentrum an, weshalb man denkt, ihre Bewegungen hätten so etwas wie eine Seele.“

Dies können zahlreiche Leser, die mit den Geschichten von Urmel, der Blechbüchsenarmee und Jim Knopf groß geworden sind, sicher bestätigen. Wir erinnern uns an Kleist; Über das Marionettentheater, der uns die Anmut und  Unschuld der Marionette erklärt.

Mit der ersten Produktion von Jim Knopf beim hessischen Rundfunk endet die Geschichte, die Hatü dem kleinen Mädchen erzählt.

Das Mädchen tritt aus der Märchenwelt des Dachbodens zurück in die reale Welt.

Hettche ist ein wunderbarer Roman gelungen, der Märchen und historischer Roman zugleich ist. Er ist in einer phantastischen Buchausgabe erschienen , mit feiner Illustration von Matthias Beckmann, einem blauen Umschlag, in der Farbe des Himmels, wie es sich für Marionetten gehört. (A.B)

Ich empfehle außerdem zum Weiter- oder Nachlesen:

Theodor Storm
Pole Poppenspäler
in der illustrierten Fassung

Kleist
Über das Marionettentheater
in der illustrierten Fassung

Hettche, Thomas
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462052565
24,00 € (inkl. MwSt.)
,
Storm, Theodor
Verlag Urachhaus
ISBN/EAN: 9783825177768
16,00 € (inkl. MwSt.)
,
Kleist, Heinrich von
Kunstanstifter Verlag
ISBN/EAN: 9783942795777
24,00 € (inkl. MwSt.)